Zum Inhalt

Brief

Wie kooperieren Psyche und charakteristisch menschlicher Verstand?

Lieber Sigmund,

weil eine bessere Chance voraussichtlich kaum wieder kommt, nutze ich die Freude über meine Aufnahme in die Gesellschaft für Kulturpsychologie als motivierenden Antrieb und schreibe dir gleich, um einen wichtigen Punkt auf meiner Agenda abhaken zu können. Und muss dir diesen umständlichen Schritt selbstverständlich vor allem anderen erklären:

Historischen Theoretikern, entschuldige bitte, lieber Sigmund – also Theoretikern, die durch ihren persönlichen Tod eigentlich sozial ausgeschlossen sind – in anthropologischer Absicht Briefe zu schreiben ist meine Forschungsmethode: Indem ich mir reizvolle Überlegungen meiner Adressaten durch den Kopf gehen lasse, prüfe ich, wie weit ich dabei guten Gewissens mitgehen kann und von welchen Aspekten daran ich mich warum distanzieren muss.

Mich darauf zu konzentrieren jemandem zu berichten, dessen anthropologisch wertvolle, theoretische Zielstrebigkeit und philosophische Konsequenz ich bewundere, reguliert meinen Gedankenfluss ideal. Es kanalisiert nämlich meine mentalen Prozesse effizient auf den meine Aufmerksamkeit wissenschaftlich unwiderstehlich anziehenden Fluchtpunkt charakteristisch menschlicher Verstand, ohne untergeordnet mit diesem zusammenhängende Forschungsobjekte zu überstrahlen.

Weil mir, was 2019 als Notlösung begann, schnell reiche Forschungsernte eintrug, kultiviere ich heute in meiner Eigenschaft als anthropologisch motivierte, ökologisch orientierte Psychologin, Kultur- und Religionswissenschaftlerin meine Erkenntnisse via Briefmethode. Ein damit erreichtes Ergebnis ist, dass ich mich seit 2023 ohne zu wackeln als Ökologische Anthropologin bezeichne. Und – darüber hinaus wichtig – als eine, die sich beim besten Willen nicht erinnern kann, je anders als ökologisch orientiert über Mensch und Welt nachgedacht zu haben.

Dass ich den Mut aufbrachte, mich zum Thema Beziehung zwischen Psyche und Verstand direkt an dich als die Koryphäe auf dem Gebiet zwischen Psyche und Umgebungskultur, den Entwickler des bis heute ungeschlagenen psychoanalytischen Standardmodells zu wenden, verdanke ich den Ergebnissen einer jahrelangen Forschung, während der ich 2024 überrascht über unseren Kollegen Carl Stumpf stolperte.

Weil ihr nahezu zeitgleich lebtet, könntest du zumindest hier und da von ihm gehört haben. Oder kanntest du sogar seine breit abgestützten Überlegungen zum Thema Psyche? Falls ja, fiel dir vielleicht gar nichts Besonderes daran auf.

Heute scheint Carls Verständnis von Psyche bahnbrechend, obwohl seinen Namen kaum noch jemand kennt. Dies könnte damit zu tun haben, dass er als einziger Psychologe eurer Zeit[1] den Begriff Seele nicht den Theologen und Poeten überließ und den Begriff Psyche der empirischen Wissenschaft.

Er nutzte beide Begriffe synonym; von heute aus gesehen geradezu naturwissenschaftlich distanziert schrieb er:

Wir definieren die Seele (bzw. eine Seele) als ein Ganzes seelischer Zustände, das Ich (ein Ich) als ein Ganzes körperlicher und seelischer, mit den körperlichen durch das psychophysische (Kausal-)Verhältnis verbundener Zustände.

Unter den Zuständen sind beidemal sowohl gleichzeitige als [auch] aufeinanderfolgende, sowohl aktuelle als [auch] virtuelle (Dispositionen) zu verstehen. Der Begriff des Ganzen ist aber in beiden Fällen aufs schärfste zu betonen, (…) im Gegensatz (…) von einem „Bündel“, einer Summe, einem bloßen Kollektiv.[2]

Wow! Welch eine differenzierte Diagnose mentaler Phänomene! Der Passus „das Ich (ein Ich)“ lässt mich direkt an dein übrigens bis heute populäres Funktionsmodell von Psyche aus drei sich selten ganz einigen virtuellen Instanzen Es, Ich und Über-Ich denken. Schneller gedacht als bewusst bemerkt muss ich, als ich Carls Worte las, begonnen haben, modellhaft zu vernetzen, was meiner Ansicht nach definitorisch getrennt in seiner konkreten Zusammenarbeit verstanden werden müsste: die Phänomene Psyche und charakteristisch menschlicher Verstand.

Im dir vorliegenden Brief nutze ich die historisch gegebene Situation, dass du von 1856 bis 1939 lebtest und Carl von 1848 – 1936, während ich 1962 geboren wurde und bisher noch lebe. Während der historische Vertikalvergleich zwischen mir und euch längerfristig verfolgbare Stabilitäten in der Psychologie aufzudecken erlaubt, ermöglicht der etwa zeitgleiche Horizontalvergleich zwischen euch, eure professionellen Konvergenzen und Divergenzen zu erkennen und analytisch zu nutzen.

Auch du philosophiertest, als du deine innovative Theorie formuliertest, entlang des eurerzeit aktuellen Stands naturwissenschaftlicher Erkenntnisse:

Auch der Mensch ist ein Tierwesen von unzweideutig bisexueller Anlage. Das Individuum entspricht einer Verschmelzung zweier symmetrischer Hälften, von denen nach Ansicht mancher Forscher die eine rein männlich, die andere weiblich ist. Ebensowohl ist es möglich, daβ jede Hälfte ursprünglich hermaphroditisch war. Die Geschlechtlichkeit ist eine biologische Tatsache, die obwohl von auβerordentlicher Bedeutung für das Seelenleben, psychologisch schwer zu erfassen ist. Wir sind gewohnt zu sagen: jeder Mensch zeige sowohl männliche als auch weibliche Triebregungen, Bedürfnisse, Eigenschaften, aber den Charakter des Männlichen und Weiblichen kann zwar die Anatomie, aber nicht die Psychologie aufzeigen. Für sie verblaβt der geschlechtliche Gegensatz zu dem von Aktivität und Passivität, wobei wir allzu unbedenklich die Aktivität mit der Männlichkeit, die Passivität mit der Weiblichkeit zusammenfallen lassen, was sich in der Tierreihe keineswegs ausnahmslos bestätigt. Die Lehre von der Bisexualität liegt noch sehr im dunklen und daß sie noch keine Verknüpfung mit der Trieblehre gefunden hat, müssen wir in der Psychoanalyse als schwere Störung verspüren.[3]

Da hattest du eine veritable Forschungslücke entdeckt, lieber Sigmund! Vergleichst du sexuelle Orientierung mit erkenntnistheoretischer Orientierung, erkennst du direkt, was ich sagen will: beides lässt sich zwar überstülpen, aber nicht zu ändern erzwingen. Nebenbei glaube ich nach einem Praxistest mit Freunden und Bekannten, denen ich diesen Abschnitt vorlas, dass deine sachliche Kompatibilität zum Gendergedanken allgemein überraschen würde.

Bevor ich’s vergesse, lieber Sigmund, musst du noch wissen, wie ich trotz seines fast zu vernachlässigend wirkenden Bekanntheitsgrads auf Stumpf kam: Sowohl Carl als auch dich beschäftigte die Frage wie der richtige Ton getroffen würde oder eben nicht. Während dich primär soziale Resonanzphänomene im außermoralischen Sinn faszinierten, forschte Carl experimentell über auditive Phänomene und verfasste entsprechend die unter Musiktheoretikern sehr respektierte Arbeit Tonpsychologie.

Bevor du mich von Anfang an falsch verstehst, lieber Sigmund: musikwissenschaftlich kann ich nicht einmal privat ernsthaft mitreden, es war nur so, dass ich Carls Namen erstmals in einem Ruf um Beiträge zum Thema Zeitwahrnehmung las, den die vorwiegend musiktheoretisch motivierte Carl-Stumpf-Gesellschaft zu ihrer 11. Jahrestagung im Sommer 2024, lanciert hatte. Was mich an dem Call reizte, war nicht Musik, sondern dass darin ein Phänomen thematisiert wurde, mit dem Mitglieder biologischer Spezies’ alltäglich umgehen.

Ohne zu sehr auf Annahme meines Beitrags zu hoffen, hatte ich eine ambitionierte Bewerbung vorgelegt – zuversichtlich das Vorgeschlagene nötigenfalls schnell genug liefern zu können: erfahrungsgemäß kann ich mich gerade hochmotiviert und unter Zeitdruck auf mich verlassen. Als dann die Zusage kam, löste ich mein Problem, indem ich – dessen Buch Erkenntnislehre und einige Buchkapitel verschiedener Forschender über Aspekte seiner Arbeit immer direkt zur Hand – einen Brief an Carl Stumpf formulierte.

In der Hitze des Gefechts, das ich dabei mit mir ausfocht, wirkten zwei dabei erreichte Durchbrüche unspektakulär. Erst viel später begriff ich: In der Auseinandersetzung mit einigen von Carls Überlegungen hatte ich erstens übersehen, dass ich gelernt hatte, mein Forschungsobjekt trennscharf mit dem Begriff charakteristisch menschlicher Verstand zu identifizieren. Warum Sozial- und Kulturtheorie auf Mensch begrenzt lassen? Da aus uns doch die ersten staatenbildenden Primaten wurden – mit enormer mentaler Spannweite und sicher nicht zuletzt daher rührenden ökologischen Effekten, die uns inzwischen schwer zu schaffen machen? Zweitens – und das ist die substanziellere Erkenntnis, lieber Sigmund! – begriff ich, dass ich animistisches Simulieren für den Kopierprozess kultureller Evolution halte! Fragst du mich, basiert darauf das psychoanalytisch dringend zu vermeidende, leicht unbemerkt bleibende und deshalb aufmerksam zu kontrollierende Phänomen Übertragung.

Und jede Übertragung, jeder nie ganz exakt mögliche Kopiervorgang also, bietet dir Gelegenheit zu prüfen, ob du, was du wahrnimmst, auch für wahr hältst! Auf deine Eindrücke willst du ja deinen jeweils nächsten Schritt bestmöglich setzen, oder? Die Interpretationsfreiheit, die selbst in ausweglos scheinenden Lagen hilft Notlösungen zu finden, beschränkt ja der Interpretationszwang, der darin liegt, irgendwann doch handeln zu müssen!

Einen Theoretiker nenne ich dich, obwohl du überwiegend philosophisch gearbeitet hast, übrigens bewusst: Dass du wissenschaftlich nicht beim Thesen diskutieren stehen bleiben wolltest, zeigt doch schon die Tatsache, dass die Couch nicht die erste Option war, an die du dachtest? Zum Thema Prävention schriebst du ja:

Die interessantesten Methoden zu Leidverhütung sind […] die, die den eigenen Organismus zu beeinflussen versuchen. […]. Es muss […] auch in unserem eigenen Chemismus Stoffe geben, die ähnliches leisten [wie Rauschmittel], denn wir kennen wenigstens einen krankhaften Zustand, die Manie, in dem dies rauschähnliche Verhalten zustande kommt, ohne daβ ein Rauschgift eingeführt worden wäre.[4]

Auch für mich, lieber Sigmund, kommt biochemische Prozesse auszublenden nicht in Frage. Warum sollte ich mein Wissen darum nicht nutzen, dass soziale Bindung organisch gesehen Oxytocin-assoziiert funktioniert und in entsprechenden Lagen und Situationen sowohl von Männern als auch Frauen produziert wird? Ganz ehrlich, lieber Sigmund: Ich wäre so froh, wenn menschbezogene Sozialtheorie ganz regulär mit dem gefühlt rasant wachsenden Forschungsstand über sozial lebende Tiere korreliert würde!

Wie auch immer, schlussfolgere ich aus deinen Aussagen, dass du, nicht anders als Carl und ich, uns Menschen als biologische Spezies ansahst, für die deshalb zwingend zumindest auch gelten muss, was für alle Organismen gilt. Ökologisch gesehen ist ja der Flaschenhals, durch den Information fließt und dabei individuell charakteristisch mehr oder weniger stark transformiert wird, ausnahmslos ein individueller Organismus mit speziescharakteristischem Verstand. Im Fall jeder Spezies mit der Kompetenz, zeitweise die virtuelle Instanz «Ich» zu prozessieren, selektieren (handeln) immer Jemande, die ausnahmslos auch Organismen sind. Deshalb habe ich als ökologische Anthropologin kaum Mühe damit, den Begriff Brutpflegeinstinkt eng mit dem mit dem individuell mehr oder weniger ausgeprägten Empathiepotenzial zu assoziieren, über das jedes Exemplar jeder sozial lebenden Spezies verfügen muss. Von daher scheint mir die Überlegung naheliegend, dass sich dies Potenzial auch auf andere als familiäre Sozialgruppen und sogar auf Ideen anwenden lässt, denen du dich moralisch, religiös oder politisch verbunden fühlst.

Um charakteristisch menschlichen Verstand besser zu verstehen nutze ich auch die Tatsache eures heute enorm unterschiedlichen Bekanntheitsgrads. Während nämlich wer heute Psychologie studiert, an dir nicht vorbeikommt, wurde unser Kollege Carl wie gesagt nahezu unsichtbar. Und fragst du mich, lieber Sigmund, vielleicht nicht trotz, sondern gerade auch wegen der Unterstützung durch den Physiker Max Planck, der Stumpfs Sohn Felix nachdrücklich das Publizieren von Carls Erkenntnislehre empfahl.

Historisch gesehen scheint sich nämlich in puncto Zusammenwirken von Psyche mit charakteristisch menschlichem Verstand der anthropologische Erkenntnisstand nicht nur nicht vorwärts, sondern sogar zurück bewegt zu haben! Bei eigentlich gefühlt allem, was die organische Verfasstheit von Mitgliedern unserer Spezies betrifft, scheint sich an den Grenzen kultur- und sozialwissenschaftlicher Fächer schon länger viel relevante Information zu stauen, der laufend detaillierte Forschungsergebnisse nachquellen.

Für diesen Stau gibt es tatsächlich klare Indizien; 1973 bestritt ein psychologischer Kollege sogar, dass Menschen überhaupt organischer Natur sind:

[...] die entscheidende Fragwürdigkeit [...] liegt vielmehr in dem Mangel an Reflexion darüber, dass etwa Ratten Organismen ‚sind‘, während sich Menschen im Experiment nur verabredungsgemäß wie Organismen verhalten.[5]

Kannst du dir vorstellen, lieber Sigmund, Aussagen könnten zu realistisch sein, um aufschlussreich sein zu können? Ich denke schon. Denn die Aussage "der Mensch ist kein Organismus" stimmt ja insofern, als dass keine Spezies ein Organismus ist. Entsprechend einer Kernaussage der Sozialtheorie Funktionale Differenzierung des Soziologen Niklas Luhmann (1927 – 1998), nach der das System Wissenschaft vor allem anderen ausmache, dass darin wahre von unwahren Aussagen getrennt würden, hätte Holzkamp zumindest nicht völlig unrecht. Fragst du mich, lieber Sigmund, halten sich auch kritische Psychologen für organisch. Sie handeln nicht blind für anderslautende Informationen, sondern ignorieren diesen Aspekt von Mensch methodologisch diszipliniert. Innerhalb ihrer wissenschaftskulturellen Nische argumentiert nämlich durchaus rational, wer, konventionell kulturrelativistisch dominiert, Mensch betreffend nicht nach natürlichen Ursachen fragt.

Mit diesem Brief, lieber Sigmund, reagierte ich auf wissenschaftskulturelle Differenzen zwischen der geisteswissenschaftlichen und der naturwissenschaftlichen Tradition um die anthropologische Differenz. Dass ich die Konsequenzen dieses Konflikts deutlich fühlte, brachte mich 2012, mit Beginn eines kulturrelativstisch dominierten Studiums, in die unbehagliche Lage, gefühlt klar zu meiner wissenschaftskulturell anderen Orientierung stehen zu müssen: Im ersten Studienjahr wurde nämlich gelehrt, kulturanthropologisches Forschen fordere eine konstruktivistische Grundhaltung. Und dabei habe ich entweder überhört, oder es wurde tatsächlich in den obligatorischen Grundlagenkursen verschwiegen, dass von Beginn an zwei zumindest auf direktem Wege miteinander inkompatible Standardinterpretationen von Konstruktivismus im wissenschaftlichen Spiel sind: naturalistischer und kulturalistischer Konstruktivismus.

Tatsächlich wirkt der Verzicht auf die naturalistische Variante zunächst problemlos. Ich nehme an, Platons Höhlengleichnis ginge (auch, ohne dass der antike Philosoph Erkenntnisse der Hirnforschung nutzen konnte) wahrscheinlich als frühes Schlüsselwerk des Konstruktivismus durch.

Die Crux ist nur, lieber Sigmund, dass keine noch so zutreffend scheinende Einsicht selbst erklärt, wie sie logisch-funktional wasserdicht reproduzierbar wäre. Obwohl ich schon lange nach stechenden Argumenten forsche, fand ich bisher nur einen schlüssigen Grund dafür, dass noch immer viele kultur- und sozialwissenschaftlich Forschende darauf verzichten, ihre Arbeit auch auf naturwissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse zu stützen: sie nutzen ihre Interpretations- und Handlungsfreiheit dazu, freiwillig auf diese Gelegenheit zur externen Validierung zu verzichten.

Obwohl ich, wie fast jede Studienarbeit beweist, die ich ablieferte, nicht bereit war, mein Denken auf die einseitig kulturalistische Standardinterpretation von Konstruktivismus zu beschränken, scheint mir die erkenntnistheoretische Angelegenheit für prinzipiell jeden Menschen, der sich überhaupt dafür interessiert, emotional heikel. Fühlst du deine Theory of (Human) Mind zu sehr schwanken, lieber Sigmund, fühlst du soziale Angst. Und das Gefühl Angst reizt, sofern es nicht durch andere Gefühle (z. B. seinen Antagonisten Mut) beschränkt wird, jeden Organismus dazu, alle verfügbaren Ressourcen auf Selbsterhalt hin zu bündeln. Das ist nun die Chance, auf das von dir postulierte Phänomen Todestrieb einzugehen. Wie könnte der Eindruck entstanden sein, ein solcher Trieb käme anthropologisch konstant vor?

Dazu kommt mir zuerst das Selbstintegritätsbestreben jedes Organismus unter der konstant herrschenden Entropiebedingung in den Sinn. Der Bedingung also, unter der jeder Organismus gegen die nicht-biologische Umwelt, in der alle Ordnung zerfällt, seine intern höher strukturierte Bindung laufend erhält. Und damit, lieber Sigmund, meine ich explizit auch psychisches Selbstintegritätsbestreben, das ich als evolutionär entscheidenden Ausbau des organischen interpretiere. Der Drang, sich innerlich beieinander zu halten, also Identität zu wahren, beweist sich ja im Falle von Menschen (vielleicht auf den ersten Blick paradoxerweise) als sogar mit Suizidwünschen und Vorstellungen von individuell nach dem Tod weitergeführtem Leben vereinbar! In der Hinsicht war ich vom ersten Blättern in Carls Arbeit Erkenntnislehre an wie elektrisiert: Hier hatte ein Kollege selbst herausfinden wollen, wovon er erkenntnistheoretisch ausgehen konnte. Und hatte dabei stets an der Grenze zum ontologischen Orbit operiert, ab dem nur noch zu glauben oder zumindest zu hoffen richtig zu verstehen, hilft.

Als Theoretiker unterscheidet dich charakteristisch von Carl, dass du dich explizit dazu bekanntest, atheistisch orientiert zu philosophieren. Carl sympathisierte mit Agnostizismus bzw. Skeptizismus, zeigte sich aber präventiv (wenn auch vorsichtigerweise im Plural) eindeutig urteilsbereit:

Es geht heute um die höchsten Angelegenheiten, um den Kampf gegen den zersetzenden Relativismus und Subjektivismus im theoretischen wie im praktischen Gebiete, um den alten Kampf des Sokrates und seiner groβen Nachfolger gegen die Sophisten. Wohl hat Platon die Ideen fälschlich hypostasiert, aber gäbe es nur diese zwei Wege: das Bekenntnis zu Platon oder zu Protagoras, wir würden ohne Zögern für Platon optieren […].[6]

Protagoras war insofern Konstruktivist, als dass er glaubte, dass Erkanntes nur subjektiv erkannt worden sein kann, und Platon in dem strikten Sinn Realist war zu glauben, Realität existiere auch unabhängig von menschlicher Beobachtung. Ich schlussfolgere aus Carls eindeutig moralisch motivierter Formulierung auch, dass er dynamisch zwischen erkenntnistheoretisch gesichert und ontologisch frei pendelte. Um charakteristisch menschlichen Verstand zu verstehen, scheint er jede wissenschaftlich valide Information genutzt zu haben; beispielsweise diese: „Nun ist jeder gegenwärtige Organismus das Produkt anderer Organismen, von denen dasselbe gilt, und so führt eine Kette von Ursachen zurück in eine unabsehbare Vergangenheit“.[7] Ich verstehe ihn bestens: Falls eine Theorie dir auf deinem Erkenntnisweg hilft, sollte dir denn nicht egal sein, wer die Theorie hatte, selbst wenn er Charles Darwin oder Herbert Spencer hieße? Oder hältst du viel davon, Theoretiker für den Missbrauch ihrer Theorien oder diejenigen, die diese Theorien wissenschaftlich nutzen, für deren Missbrauch verantwortlich zu machen?

Autobiografisch, und das ist zum Thema Notlösung interessant, schrieb der Philosoph Karl Popper (1902 – 1994) in einem ausführlich durchargumentierten Kapitel mit dem Titel Der Darwinismus als ein metaphysisches Forschungsprogramm:

Meine Logik der Forschung enthielt eine Theorie des Wachstums des Wissens durch Versuch und Irrtum – genauer, durch die Elimination von Irrtümern. Das heißt aber, durch Darwinsche Selektion, durch Auswahl, statt durch Lamarcksche Instruktion, durch Unterweisung.[8] (Popper 1982 Ausgangspunkte: 243, kursiv dort).

Interpretiere ich folgende Überlegung richtig, schlug er vor, die Idee „wertvoll für das Überleben“ und das Phänomen Teleologie – der Eindruck also, Wahrgenommenes sei unbedingt geplant zielgerichtet entstanden – wie folgt zu verbinden: „Ich glaube, diese Idee könnte sehr viel klarer gemacht werden, wenn man sie im Sinne des Lösens von Problemen darstellt“.[9] Das Argument rationale Auslese wendete sein Kollege Nicholas Rescher (1928 - 2024) später explizit auf Entscheidungen in wissenschaftlichen Communities an:

Rationale Auslese ist nicht Sache biologischer, sondern rational selektiver Elimination (oder der Beibehaltung um rationaler Vorzüge willen). Sie betrifft einen Vorgang historischer Überlieferung von etwas, das eine auf zweckvoller Überlegung beruhende begründete Auswahl einschließt.[10]

Dieser inhaltlichen Linie stimme ich ökologisch-anthropologisch orientiert zu und leite konsequent daraus ab, dass dieses von mir analytisch motiviert getroffene Urteil einer evolutionären Selektion entspricht. Es steht also das Ansehen meines Intellekts auf dem Spiel, wenn ich genau jetzt den Mut fasse zu sagen: Ein beobachteter Effekt, den du nicht anders kannst, als ihn genau dann animistisch zu simulieren, wenn du ihn wahrnimmst, lässt sich funktionell nutzen, sobald sich dir ein passendes Problem stellt. Nach meinem bisherigen Forschungsweg, lieber Sigmund, scheint mir unmissverständlich klar, dass ich ohne die permanente Sorge intellektuelle Erwartungen – wohl hauptsächlich meine eigenen an mich – nicht erfüllen zu können, in diesem Moment nicht dabei wäre, dir zu schreiben.

Von heute aus gesehen scheint dein Mut erstaunlich, ein schlichtes Funktionsmodell menschlicher Psyche – das noch heute gültige psychoanalytische Standardmodell! – aus nur drei Instanzen in ihrer Umwelt Kultur publiziert zu haben. Ein ökologisches Modell, mit dem sich, wenn du mich fragst, hervorragend arbeiten lässt! Die Instanz Es zum Beispiel lässt sich denkspielerisch wunderbar als Anthropomorphismus des immer aktiven Selbstintegritätsbestrebens jedes lebenden Organismus gegen die Entropie einsetzen! Weil sich die Kernannahme der philosophischen Anthropologie, alles an Mensch Wesentliche sei kulturell erworben, schlicht nicht mehr halten lässt, orientiere ich mich, wenn wissenschaftlich nachdenke, an der Erkenntnistheorie Ökologische Anthropologie.

Während du deine Leidenschaft dem Phänomen Psyche und ihren Leiden unter kulturellen Normen widmetest, galt Carls Passion charakteristisch menschlichem Verstand mit Psyche als einem wesentlichen Aspekt davon. Dafür spricht die Tatsache, dass er sich erst nach intensivem Nachdenken über die physikalische Lage menschlicher Organismen, z. B. das Entstehen von Raumvorstellung, mit Psychologie zu befassen begann.[11] Laut einer Stumpf-Expertin forschte er beschränkt auf „rein logische, phänomenologische und experimentelle Werkzeuge“ aufwändig um das Leib-Seele-Problem, dem „hochkomplexen Knoten des Ringens um das Grundproblem der Psychologie“.[12]

Wie froh bin ich, lieber Sigmund, aus ökologisch-anthropologischer Sicht nicht ernsthaft darüber brüten zu müssen, was es zu bedeuten hat, dass sich mental erlebte Phänomene wie Zeit, Raum oder Realität, bisher physikalisch nicht nachweisen lassen! Aus meiner erkenntnistheoretischen Sicht ist ja eindeutig klar, dass unsere Spezies unter physischen Bedingungen lebt, unter denen Raumerleben, Zeitempfinden und Oxytocin zur ökologischen Realität gehören. Und sag’ selbst, lieber Sigmund: wie kann diese pragmatisch gebotene Annahme mein Faszinosum charakteristisch menschlicher Verstand nicht betreffen?

Dass Carl sich auf physikalisch messbare Phänomene konzentrierte, bedeutet übrigens nicht, dass Moral ihn kaltließ; sieh‘, lieber Sigmund, was er zur Abgrenzung zwischen Handeln und Handlungsabsicht schrieb:

Wie das Handeln vom Wollen, so ist auch die Freiheit des Handelns von der Willensfreiheit selbst scharf zu unterscheiden. Die Handlungsfreiheit besteht in der Möglichkeit, einen Willensakt ungehindert auszuführen. So ist der Gefesselte oder Gelähmte in diesem Sinn unfrei. Er kann aber noch die Bewegung wollen, solange er sich nicht von ihrer Unausführbarkeit überzeugt hat. Ebenso kann auch die zu einer mathematischen Beweisführung oder zur Reproduktion eines Namens erforderliche Gedächtnisleistung augenblicklich versagen, da zum Gelingen allerlei Faktoren, auch solche physiologischer Art, zusammenwirken müssen.[13]

Direkt vor diesen Absatz schrieb er – und das scheint mir relevant für das Feld, das heute Qualitative Sozialforschung heißt:

Die ethische Qualifikation bezieht sich, genau genommen, nicht auf das Handeln, sondern auf die zugrunde liegende Gesinnung und den Willensakt, aus dem die Handlung hervorgeht. Aber man pflegt auch von guter und schlechter Handlung zu sprechen.[14]

Schon wegen der in jedem Forschungsprozess gebotenen Transparenz bekenne ich gern, dass ich meine erkenntnistheoretische Haltung zutiefst überzeugt davon kultiviere, damit moralisch richtig zu handeln.

Des langen Briefs kurzer Sinn waren Carl und du optimale Adressaten für mich, um denkspielerisch ein ausstehendes Zwischenfazit zum Verhältnis von Psyche und charakteristisch menschlichem Verstand zu ziehen. Ich stellte mir nützlich vor, du hättest dein funktionales Modell von Psyche geliefert, und Carl Verstand betreffend seine gründlichen Überlegungen zum Thema Urteilen beigetragen:

Als ich mich über ihn zu informieren begann, las ich, Carl habe passive Empfindungen und intellektuelle Funktionen, besonders solche mit Urteilscharakter, zu einem Komplex gerechnet und gemeint, auf Funktionsgefühle würden wiederum Urteilsfunktionen angewandt und jede Urteilsfunktion bewirke ein Bemerken.[15] Das hieße ja, dass du Phänomene überhaupt erst in dem Moment als möglich aufzutreten registrierst, wenn du sie erstmals bemerkst. Carls Spekulation über einen untrennbaren Zusammenhang zwischen Gefühltem und dies formulierbar Gedachtem wird lässt sich, spätestens seit der Neurokognitionswissenschaftler Donald Olding Hebb in den 1940er Jahren die chemisch gestützte Signalübertragung im Zentralnervensystem beobachtete und dokumentierte, neurowissenschaftlich stützen.

Du strukturiertest das Phänomen Psyche in die virtuellen Instanzen Es, Ich und Über-Ich und ich ordne, inspiriert von Carl, charakteristisch menschlichem Verstand drei Urteilsmodi zu. Ausgehend davon, der Kopierprozess kultureller Evolution würde im Fall menschlichen Erkennens durch anthropomorph animistisches Simulieren umgesetzt, müsste folgendes Gedankenexperiment funktionieren: Simuliere doch bitte einmal, du könntest – obwohl physisch unmöglich – tatsächlich getrennt voneinander emotionale, rationale und logisch-funktionale Urteile fällen. Nun verbinde die drei Instanzen deines Modells von Psyche denkspielerisch mit drei korrespondierenden Urteilsmodi. Und zwar die Instanz «Es» mit einem emotionalen Urteilsmodus, die Instanz «Über-Ich» mit einem rationalen und die Instanz «Ich» mit einem logisch-funktionalen. Dich kann ich ja nicht fragen, aber ich «sehe» dann quasi von selbst drei Bewertungssysteme zur Vorbereitung entsprechender Urteile entstehen!

Exakt beweisen kann ich das nicht, aber wozu Theorie, die keine ist? Die Indizienlage ist immerhin solide: Wir wissen, dass das Hirn im menschlichen Organismus das Organ mit dem höchsten Energieverbrauch ist. Weil es an einer dafür typischen Verbrauchskurve zuverlässig gemessen werden kann, wissen wir auch, dass dieser Umsatz bei bewusster Konzentration auf Aufgaben, die jemand unbedingt lösen will, noch deutlich zunimmt. Und oben drauf gerechnet spekuliere ich, dass surreales Denken noch extra Ressourcen kostet, um bestmöglich Wahrheit von Theorie unterscheiden zu können! Könnten Menschen das nämlich nicht in der überwiegenden Zahl der Fälle, wäre unsere Spezies evolutionstheoretisch gesehen schon ausgestorben.

Das Phänomen Verstand scheint mir evolutionär weit älter als unsere Spezies und untrennbar verbunden mit Gefühlen. Und soweit es zumindest Menschen betrifft: mit Vernunft – einem Phänomen, das eng korreliert mit deiner virtuellen Instanz Über-Ich, hinter der (nicht nur ich) Moralempfinden vermute.

Während ich Verstand für das passende Tool halte, Notlösungen zu finden, scheint mir das Phänomen Psyche, das menschliche Empathiepotenzial zu managen. Mir fällt nämlich keine psychologische Diagnose ein, lieber Sigmund, die nicht die Regulierung des Empathiepotenzials betrifft: Und dieser Prozess scheint mir genau dann gut zu funktionieren, wenn die Phänomene Gefühl, Verstand und Vernunft unbemerkt von mir selbst zusammenarbeiten.

Zusammengefasst lautet meine Erkenntnis: Mit charakteristisch menschlichem Verstand einerseits und Psyche andererseits scheinen – analytisch gesehen – zwei je in sich komplexe Phänomene zu interagieren Phänomene, die regulär a) unbemerkt von meiner virtuellen Instanz „Ich“, b) stetig und c) in laufender Abstimmung untereinander funktionieren, solange sie nichts auch nur möglicherweise Wesentliches entscheidend irritiert. Ich vermute, „Es“ bewertet ein- und denselben Eindruck emotional, den «Über-Ich» rational und «Ich» logisch-funktional bewerten. Den zwischen logisch-funktional und rational konstruierten Unterschied stütze ich auf die häufig gemachte Beobachtung, dass nicht in jeder Umgebung und Situation alles zu sagen vernünftig ist, was der Verstand ausgibt.

Diese Einschätzung beruht neben den Fakten, auf die ich sie stütze, nicht zuletzt auf einem Bias: Als unter anderem neurokognitionswissenschaftlich vorqualifizierter Organisationspsychologin mit Berufserfahrung fällt es mir leicht, mehrere virtuelle Instanzen als ein Team zu interpretieren; eines das – falls seine Mitglieder flüssig zusammenarbeiten – dem Selbstintegritätsbestreben ihres Organismus´ nützt.

Auch dass ich persönlich als politische Bürgerin unwillkürlich an Gewaltenteilung denke, trägt wohl dazu bei, dass ich jede der von dir postulierten Instanzen für unverzichtbar halte und denke, dass keine ohne die beiden anderen funktioniert.

Warum sollte ich Steilvorlagen wie flüssige Zusammenarbeit und Gewaltenteilung ignorieren? Warum mir nicht, sowohl surreal als auch hilfreich, einbilden, «Ich» könne «Es» und «Über-Ich» freundlich, aber bestimmt moderieren, falls die sich – jeweils im Saft der eigenen Argumente garend – anstarren?

Nur phantasiert sende ich dir herzliche Grüße aus der Zukunft!

Anmerkungen und Verweisstellen

[1]

. „Wir greifen auf jenen Pionier der phänomenologischen Psychologie zurück, der als einziger den Weg beschritt, den Seelenbegriff wegen seiner metaphysischen Vergangenheit nicht abzuschaffen, sondern ihn auf Basis logischer und psychologischer Analyse ohne Rückgriff auf seine metaphysische Vergangenheit umzubilden – auf Carl Stumpf“ (Kaiser-El-Safti & Werbik 2021 S. 87).

[2]

. Stumpf 1936 Erkenntnislehre, S. 826, kursiv im Original Sperrschrift.

[3]

. Freud 1930 (2017), S. 50 in einer Fuβnote.

[4]

. Freud 1930 (2017), S. 22.

[5] . Holzkamp 1973, Verborgene anthropologische Voraussetzungen, S. 261, Anführungszeichen bei H.

[6]

. Stumpf Erkenntnislehre, S. 428.

[7] . Stumpf, Erkenntnislehre, S. 788

[8] . Popper 1982 Ausgangspunkte: 243, kursiv dort

[9] . ebd.: 258

[10] . Rescher 1994: 14

[11]

. Psychologischen Einfluss auf menschliches Erkennen fokussierte Stumpf erst nach seiner Habilitation mit der Arbeit Über den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung (1873), in der er das Phänomen Raumwahrnehmung zu verstehen versuchte (vgl. Kaiser-El-Safti 2021, S. 53). Daher gehe ich davon aus, dass ihn primär das Phänomen charakteristisch menschlicher Verstand faszinierte und er psychologisch im heutigen Sinne «nur» instrumentell forschte.

[12]

. Quelle: Kaiser-El-Safti & Werbik 2021 Grundlagen der Philosophischen Psychologie, S. 87.

[13]

. Stumpf, Erkenntnislehre S. 840, Hervorhebung bei Stumpf.

[14]

. Stumpf, Erkenntnislehre S. 840.

[15]

. Vgl. Ebeling 2012 Affektenlehre und der Affekt in der Gefühlslehre von Carl Stumpf, S. 38 f.

Literatur

Ebeling, Martin (2012). Affektenlehre und der Affekt in der Gefühlslehre von Carl Stumpf, in: Rötter, Günther; Ebeling, Martin (Hg.). Hören und Fühlen, Frankfurt: Peter Lang GmbH Internationaler Verlag der Wissenschaften, 21-54.

Freud, Sigmund (2017 (1930)): Das Unbehagen in der Kultur. Indiebooks.

Holzkamp Holzkamp, K. (1973). Verborgene anthropologische Voraussetzungen der allgemeinen Psychologie. In: Hans-Georg Gadamer und Paul Vogler (Hg.): Psychologische Anthropologie. Band 5. Stuttgart: Georg Thieme Verlag, S. 237-282.

Kaiser-El-Safti, Margret & Werbik, Hans (2021): Grundlagen der Philosophischen Psychologie, Würzburg: Königshausen & Neumann.

Popper, Karl R. (1982): Ausgangspunkte, Hamburg: Hoffman und Campe; Kapitel 37 (243 – 262).

Rescher, Nicholas (1994): Warum sind wir nicht klüger? Der evolutionäre Nutzen von Dummheit und Klugheit, Stuttgart: S. Hirzel Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

Stumpf, Carl (2011 (1939/1940, posthum)). Erkenntnislehre. Lengerich: Pabst Science Publishers.